Einweihung des Gedenksteines für Eckard Rütz

Pressemitteilung: Benefizkonzert mit Barbara Thalheim und Thomas Putensen

Barbara Thalheim, Jean Pacalet und Thomas Putensen werden am 03.02.2007 auf einem Benefizkonzert zugunsten der Kampagne „Schon Vergessen?“ auftreten. Die Einnahmen dienen der Finanzierung eines Gedenksteines für den vor sechs Jahren in Greifswald von Rechtsextremen ermordeten Obdachlosen Eckard Rütz. Das Konzert findet im Dom St. Nikolai statt und beginnt um 20.00 Uhr.

„Dieses Konzert ist einmal mehr der Versuch die Erinnerung an Eckard Rütz wach zu halten und sich aktiv für einen Gedenkstein am Tatort einzusetzen“, so Martin Nagel, Pressesprecher der Initiative. Zahlreiche politische und kulturelle Gruppen der Hansestadt unterstützen bereits dieses Vorhaben, beispielsweise die Antifaschistische Aktion Greifswald, der Studierendenclub Kiste und die Junge Gemeinde St. Nikolai.

In den drei Monaten ihres Bestehens entfaltete die Initiative rege Aktivitäten und stieß auf großes Interesse in der Bevölkerung und den lokalen Medien. So organisierte das Bündnis am 6. Todestag von Eckard Rütz eine Gedenkveranstaltung an der Greifswalder Mensa, auf der u.a. Dompfarrer Gürtler sprach. Weiterhin wurde auf einer gut besuchten Informationsveranstaltung Ende November über die Hintergründe der Tat und das gesellschaftliche Klima der Jahre 2000/2001 berichtet.

Darüber hinaus forderte die Kampagne in einem Offenen Brief an den Bürgermeister dazu auf „anstelle der gegenwärtigen Totschweige-Politik“ für einen „offensiven Umgang mit dem Geschehenen und die offizielle, gesellschaftliche Ächtung von Fremdenhass und Rassismus“ einzutreten.

Offener Brief an den Bürgermeister

Sehr geehrter Oberbürgermeister Dr. Arthur König,

vor sechs Jahren wurde hier in Greifswald, mitten in der Innenstadt, der Obdachlose Eckard Rütz auf brutale Weise ermordet. Die Täter malträtierten ihn solange mit Tritten und Schlägen bis er an einem Schädelbasisbruch und einer Gesichtstrümmerfraktur starb. Das Märtyrium, was das Opfer in dieser Novembernacht durchleben musste, interessierte die drei jungen Täter nicht. Vielmehr war die grausame Tötung von Eckard Rütz Ausdruck ihres menschenverachtenden, rechtsextremen Weltbildes. Laut des Hauptangeklagten, „habe so einer wie Rütz dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche gelegen.“

Joachim von der Wense, damals Oberbürgermeister, appellierte einen Tag nach dem Mord an die Greifswalder Bevölkerung: „Der gewaltsame Tod unseres Nachbarn Eckard Rütz (…) ist uns Mahnung und zugleich Signal, den Respekt vor dem Leben in den Mittelpunkt unseres Wirkens zu stellen.“ Konkrete Taten folgten von städtischer Seite jedoch nicht und so geriet der Mord an Eckard Rütz schnell in Vergessenheit. Bis heute gibt es keinen offiziellen Ort des Ge- und Nachdenkens.

Um dieser skandalösen Situation ein Ende zu setzen, hat sich die Initiative „Schon Vergessen“, bestehend aus verschiedenen politischen und kulturellen Gruppen Greifswalds, gegründet. Ziel ist, neben der Anregung einer Debatte über die Gedenkkultur, die Errichtung eines Gedenksteins am Tatort.

Dass es bisher von Seiten der gewählten Bürger_innenvertretung versäumt wurde, solch einen Ort der Erinnerung zu schaffen, ist eine Schande für unsere Universitäts- und Hansestadt, die sich als weltoffen versteht. In solch einer Stadt muss Platz sein, für ein würdiges Gedenken an die Opfer des rechten Straßenterrrors. Sie dürfen nicht einfach aus dem städtischen Gedächtnis ausgeklammert werden. Ein offensiver Umgang mit dem Geschehenen und die offizielle, gesellschaftliche Ächtung von Fremdenhass und Rassismus müssen anstelle der gegenwärtigen Totschweige-Politik treten.

Wir fordern Sie als Stadtoberhaupt auf, unsere Bemühungen für die Errichtung eines Gedenksteines zu unterstützen und sich für eine nachhaltige Gedenkkultur einzusetzen!

Bündnis „Schon vergessen?“ in Greifswald gegründet

Anlässlich des 6. Todestages von Eckard Rütz, der am 25. November 2000 von rechtsextremen Jugendlichen vor der Mensa ermordet wurde, hat sich in Greifswald ein Bündnis gegründet. Die Kampagne hat sich zum Ziel gesetzt, eine Debatte über die Gedenkkultur der Stadt anzustoßen. Ferner soll mit einem Mahnmal für Eckard Rütz ein Ort des Erinnerns im öffentlichen Raum geschaffen werden.

Gesellschaftliches Klima 2000/2001

Als „Zone der Angst“ wurde Greifswald in einer Hamburger Zeitung dargestellt. Grund dafür waren die Obdachlosenmorde an Klaus-Dieter Gerecke am 24. Juni 2000 und fünf Monate später am 25.11.2000 an Eckard Rütz, sowie die regen Aktivitäten der Greifswalder Neonaziszene.

Zu dieser Zeit formierte sich um den bekannten Neonazikader Maik Spiegelmacher, ein sehr aktionistischer NPD-Kreisverband in Greifswald, der schon bald, laut Verfassungsschutz, eine „Sonderstellung“ in der Neonaziszene von Mecklenburg-Vorpommern einnehmen sollte. Während die Führungsebene der rechtsextremen Partei mit den Verfechtern des Konzeptes der „Freien Nationalisten“ im Streit lag, schaffte es der Kreisverband Greifswald, diese aktionsorientierten Neonazis an sich zu binden.

Aus dieser Zusammenarbeit resultierten zahlreiche Demonstrationen, Kundgebungen und Informationsstände, die mehr und mehr unter unverfänglichen Mottos wie „Gegen die geplante Schließung von Schulen“ oder „Gegen Krieg und militärischen Größenwahn“ stattfanden. Durch das Aufgreifen dieser scheinbar unverfänglichen Themen versuchte die NPD in die bürgerliche Mitte hineinzuwirken. Dazu zählten auch die Organisierung von Kinderfesten und Spenden an das Greifswalder Kinderheim. Mit diesem inhaltichen Profilwechsel ging auch ein Wechsel in der Organisationsform einher, der vor dem Hintergrund des NPD Verbotsverfahrens von 2001 verstanden werden muss. Es gründete sich eine „Schülerinitiative für freie Meinungsäußerung-und Bildung“, sowie eine „Bürgerinitiative zur Wahrung der Grundrechte“, die sich personell vom NPD Kreisverband kaum unterschieden.

Die Greifswalder Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft bekamen von dieser gefährlichen Entwicklung nichts mit bzw. sahen sich nicht zum Handeln veranlasst. Erst nach dem Mord an Klaus-Dieter Gerecke im Sommer 2000 wurde die Stadt aus ihrem Dornrößchenschlaf gerissen. Es wurden zahlreiche Demonstrationen, Gedenkkunggebungen und anderweitige Aktionen gegen Rechtsextremismus veranstaltet. Trotz alledem wurde fünf Monate später Eckard Rütz brutal von rechten Jugendlichen ermordet.

Die Aktivitäten des „Aufstandes der Anständigen“ intensivierten sich infolgedessen und erreichten ihren Höhepunkt, als sich 2001 mehr als 7000 Menschen einem Neonaziaufmarsch in Greifswald in den Weg stellten. Ein halbes Jahr später waren es dann immerhin noch 2000-3000, doch die Zahl nahm kontinuierlich ab, bis das öffentliche Interesses schließlich ganz abebbte.
Gleichzeitig verschwand auch das Interesse an einer Aufarbeitung der Obdachlosenmorde und so konnten die gewaltsamen Tode von Klaus-Dieter Gerecke und Eckard Rütz immer mehr in Vergessenheit geraten.