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Obdachlos in Greifswald

Hier ein Artikel aus der 2003 erschienenen Schülerzeitung „quer-format“ welcher sich mit dem Obdachlosenheim in Eldena beschäftigt:

Obdachlos in Greifswald
Das Obdachenlosenheim in Eldena

Die Geschichte der Heimatlosen und Berber beginnt in den neuen Bundesländern mit der Wende. Als die Zahl der Menschen, die erst ihre Arbeit und dann ihren Wohnsitz verloren haben, stetig zunahm, mußten hierzulande erst Einrichtungen für die Volkssolidarität geschaffen werden. Bis 1993 diente eine Einrichtung in der Pestalozzistraße als provisorisches Notunterkunftsquartier. Das erste Obdachlosenheim in Greifswald mußte aber bald schon wegen Baumaßnahmen geschlossen werden und die Suche nach einem neuen Standort begann.

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Gesellschaftliches Klima 2000/2001

Als „Zone der Angst“ wurde Greifswald in einer Hamburger Zeitung dargestellt. Grund dafür waren die Obdachlosenmorde an Klaus-Dieter Gerecke am 24. Juni 2000 und fünf Monate später am 25.11.2000 an Eckard Rütz, sowie die regen Aktivitäten der Greifswalder Neonaziszene.

Zu dieser Zeit formierte sich um den bekannten Neonazikader Maik Spiegelmacher, ein sehr aktionistischer NPD-Kreisverband in Greifswald, der schon bald, laut Verfassungsschutz, eine „Sonderstellung“ in der Neonaziszene von Mecklenburg-Vorpommern einnehmen sollte. Während die Führungsebene der rechtsextremen Partei mit den Verfechtern des Konzeptes der „Freien Nationalisten“ im Streit lag, schaffte es der Kreisverband Greifswald, diese aktionsorientierten Neonazis an sich zu binden.

Aus dieser Zusammenarbeit resultierten zahlreiche Demonstrationen, Kundgebungen und Informationsstände, die mehr und mehr unter unverfänglichen Mottos wie „Gegen die geplante Schließung von Schulen“ oder „Gegen Krieg und militärischen Größenwahn“ stattfanden. Durch das Aufgreifen dieser scheinbar unverfänglichen Themen versuchte die NPD in die bürgerliche Mitte hineinzuwirken. Dazu zählten auch die Organisierung von Kinderfesten und Spenden an das Greifswalder Kinderheim. Mit diesem inhaltichen Profilwechsel ging auch ein Wechsel in der Organisationsform einher, der vor dem Hintergrund des NPD Verbotsverfahrens von 2001 verstanden werden muss. Es gründete sich eine „Schülerinitiative für freie Meinungsäußerung-und Bildung“, sowie eine „Bürgerinitiative zur Wahrung der Grundrechte“, die sich personell vom NPD Kreisverband kaum unterschieden.

Die Greifswalder Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft bekamen von dieser gefährlichen Entwicklung nichts mit bzw. sahen sich nicht zum Handeln veranlasst. Erst nach dem Mord an Klaus-Dieter Gerecke im Sommer 2000 wurde die Stadt aus ihrem Dornrößchenschlaf gerissen. Es wurden zahlreiche Demonstrationen, Gedenkkunggebungen und anderweitige Aktionen gegen Rechtsextremismus veranstaltet. Trotz alledem wurde fünf Monate später Eckard Rütz brutal von rechten Jugendlichen ermordet.

Die Aktivitäten des „Aufstandes der Anständigen“ intensivierten sich infolgedessen und erreichten ihren Höhepunkt, als sich 2001 mehr als 7000 Menschen einem Neonaziaufmarsch in Greifswald in den Weg stellten. Ein halbes Jahr später waren es dann immerhin noch 2000-3000, doch die Zahl nahm kontinuierlich ab, bis das öffentliche Interesses schließlich ganz abebbte.
Gleichzeitig verschwand auch das Interesse an einer Aufarbeitung der Obdachlosenmorde und so konnten die gewaltsamen Tode von Klaus-Dieter Gerecke und Eckard Rütz immer mehr in Vergessenheit geraten.

Mord an Eckard Rütz

„Wir wollten ihm nur eine Lektion erteilen, dabei haben wir ihn leider tot gehauen.“ (Haupttäter Maik J.)

Am 24.November sind die drei Jugendlichen Maik J(16), Marcel L.(16) und Maik D.(21) nach einer Kneipentour auf dem Heimweg. Bei einer Telefonzelle an der Greifswalder Mensa entdecken sie den Obdachlosen Eckard Rütz. Nachdem der Älteste ihn noch gewarnt haben soll, dass es dort nachts gefährlich sein könnte, kommen sie auf die Idee ihn zusammen zu schlagen. Sie suchen sich dicke Baumstützpfähle, schlagen und treten auf seinen Kopf, Bauch und Oberkörper brutal ein. Wenig später bewegt sich Eckard Rütz nicht mehr, die Täter lassen von ihm ab Zumindest bis dem 16-jährigen Maik J. einfällt, dass Rütz sie anzeigen könnte. Während Maik D. Schmiere steht treten die anderen erneut auf den Wehrlosen ein. Eckard Rütz erliegt schließlich einer Gesichtstrümmerfraktur und einem Schädelbasisbruch. Nach der Tat gehen die Jugedlichen nach Hause und schauen fernsehen, so als wäre nichts passiert.

Durch Hinweise aus der Bevölkerung konnten die Täter drei Wochen später gefasst werden. Wegen gefährlicher Körperverletzung und gemeinschaftlich begangenem Mord forderte die Staatsanwaltschaft zwischen neun Jahre Haft für Marcel L . bis zu lebenslänglich für den ältesten Angeklagten Maik D.. Als Beweis diente unter anderem der Schädel des Opfers, welcher bei der Obduktion auseinanderfiel. Um eine Strafmilderung zu erzielen, legte der Haupttäter Maik J. ein Geständnis ab. Er gestand, dass sie den Obdachlosen umbrachten, weil „so einer wie Rütz dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche liege“.

Das Urteil des Richters für den Hauptangeklagten fiel mit siebeneinhalb Jahren relativ mild aus und blieb deutlich unter den Forderungen des Staatsanwaltschaft. Angeblich gezeigte Reue sei hierfür der Grund gewesen. Prozeßbeobachter_Innen konnten in den Gesichtern der jungen Männer jedoch keinerlei emotionale Regung erkennen. Marcel L.(16) und Maik D.(21) wurden zu sieben Jahren Jugendstrafe und zehn Jahren Haft verurteilt.
Alle drei waren keine gefestigten organisierten Neonazis. Einer von ihnen war bis kurz vor der Tat NPD-Mitglied, wurde jedoch wegen charakterlicher Ungeeignetheit rausgeworfen. Die Begründung für die Tat lässt jedoch keinen Zweifel an der diskriminierenden und menschenverachtenden Einstellung der Täter gegenüber Eckard Rütz’s Lebensweise als Obdachloser.

Reaktionen auf die Tat

Auf den Mord an Eckahrd Rütz folgten vielfältige Reaktionen von Stadt und Öffentlichkeit.
So gab der damalige Bürgermeister Joachim v. d. Wense eine Stellungnahme heraus, in der er seine Bestürzung über die Tat zum Ausdruck brachte: „Verzweiflung, Wut, Trauer Bestürzung über den Tod Klaus Gereckes sind nicht vergessen, da sehen wir uns wieder damit konfrontiert, dass Mitbürger ohne Respekt vor dem Leben handeln. Der Greifswalder Obdachlose Eckard Rütz ist Opfer einer Gewalttat. Sein Leben ist brutal beendet worden. Diese Tat gegen einen vermeintlich Schwachen unserer Gesellschaft verurteilen wir aufŽs Schärfste. Das Verbrechen ist eine Schande für Greifswald. Wir fordern, dass Versuche aus dem Gewaltakt politisches Kapital herauszuschlagen, unterbleiben. Die große Anteilnahme, die in unserer Stadt nach dem Tod von Klaus-Dieter Gerecke hervorgebracht wurde, zeigt deutlich, dass wir, die Greifswalderinnen und Greifswalder, in ihrer übergroßen Mehrzahl Gewalt verurteilen und ablehnen. Wir lassen uns nicht auseinander dividieren.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nutzen wir jede Möglichkeit, nicht nur im engen Kreis der Familie nach diesem Grundsatz zu leben. Vermitteln wir diesen Anspruch auch in der Öffentlichkeit. Jeder an seinem Platz muss die notwendige Zivilcourage aufbringen und sich gegen Gewalt wenden. Der Greifswalder Präventionsrat leistet dabei wichtige Arbeit, beteiligen Sie sich mit uns gemeinsam an seinen Aktivitäten. Der gewaltsame Tod unseres Nachbarn Eckhard Rütz ist nicht umkehrbar. Er ist uns Mahnung und zugleich Signal, den Respekt vor dem Leben in den Mittelpunkt unseres Wirkens zu stellen.“

Klare Worte fand auch der, 2001 verhandlungsführende, Richter Wolfgang Loose: „Diese Tat ist an Brutalität kaum zu überbieten.“ „(Die Täter) haben sich als Herr über Leben und Tod aufgeschwungen und meinten das angeblich lebensunwerte Leben von Eckhard Rütz beenden zu dürfen.“ Weiterhin hätten sie seiner Meinung nach „aus Intoleranz und ihrer vom nationalsozialistischen Gedankengut geprägten Gesinnung“ die Tat vollzogen und „im Sinn gehabt, diesen Menschen zu töten.“

Marius Fiedler, Jugendstrafanstaltsleiter in Berlin, versuchte angesichts der Obdachlosenmorde in den Jahren 2000/2001 eine psychologische Erklärung zu finden: „Derjenige, der schon so am Rande der Gesellschaft steht, Probleme mit dem Alkohol hat, Sozialhilfe bekommt, keinen richtigen Job hat, aber noch jung ist – das hab ich öfters erlebt – der bringt dann den Penner auf der Parkbank um, im Grunde die Angst vor seiner eigenen Zukunft ist das.(…) Und vor der hatten sie Angst. Und es gibt dann vielleicht die wahnhafte Idee: Wenn ich den umbringe,dann bringe ich die schreckliche Zukunft, die auf mich zukommt auch um, dann muß ich die nicht leben.“

Der zuständige Kriminalrat Thomas Krense hatte eine andere Erklärung, die er in einem Interview mit „Der Zeit“ äußerte: „Die Schläger handelten nicht so sehr als Neonazis, sie sind schlicht gewalttätige Menschen, die zufällig der NPD angehören.“ Besonders brisant ist in diesem Zusammenhang die Reaktion der ermittelnden Behörden. Der Mord an Eckard Rütz tauchte weder im Extremismusbericht von 2000 noch von 2001 auf, auch im LKA Bericht aus diesem Zeitraum ist er nicht zu finden. Dort heißt es lediglich: „Besondere Betroffenheit löste die mit rechtsextremistischen Motiven („Asoziale und Landstreicher passen nicht in die Gesellschaft“) begründete Tötung eines Obdachlosen am 24. Juli 2000 in Ahlbeck aus. Der Haupttäter wurde wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Dieser Fall dokumentiert erneut die typischen Merkmale rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten: Sie werden von jungen Tätern begangen, richten sich insbesondere gegen Fremde oder „Undeutsche“, wozu auch Nichtsesshafte gezählt werden, und sind geprägt durch ein besonders brutales Vorgehen.“

In einer breit angelegten Untersuchung, 2002, initiert durch PDS Bundestagsfraktion wurde dieser und viele weitere Fälle von Morde mit rechtsextremen Hintergrund in der „Schattenstudie“ neu beleuchtet. Zuvor war der Mord in keiner offiziellen Statistik des Landes oder Bundes als Opfer rechtsextremer Gewalt aufgeführt.