Obdachlos in Greifswald

Hier ein Artikel aus der 2003 erschienenen Schülerzeitung „quer-format“ welcher sich mit dem Obdachlosenheim in Eldena beschäftigt:

Obdachlos in Greifswald
Das Obdachenlosenheim in Eldena

Die Geschichte der Heimatlosen und Berber beginnt in den neuen Bundesländern mit der Wende. Als die Zahl der Menschen, die erst ihre Arbeit und dann ihren Wohnsitz verloren haben, stetig zunahm, mußten hierzulande erst Einrichtungen für die Volkssolidarität geschaffen werden. Bis 1993 diente eine Einrichtung in der Pestalozzistraße als provisorisches Notunterkunftsquartier. Das erste Obdachlosenheim in Greifswald mußte aber bald schon wegen Baumaßnahmen geschlossen werden und die Suche nach einem neuen Standort begann.

Ortswechsel. Die Idylle trügt, hier im Gartenweg/Eldena unweit der Klosterruine und zur Rechten vom Sparmarkt. Eine Baracke mit einem unscheinbaren Schild „Gebrauchtmöbellager“ auf mintfarbenem Putz steht hier inmitten eines Komplexes aus aufgefädelten Reihen-, Ein- und Mehrfamilienhäusern und sorgte vor einigen Jahren noch für Zunder im nunmehr ruhigsten, beschaulichsten und spießigsten Viertel in ganz Greifswald. Die Anwohner gingen hier früher einmal richtig auf die Barrikaden. Als man ihnen von einem in unmittelbarer Nachbarschaft geplanten Obdachlosenheim erzählte, fürchtete man um seinen guten Ruf und nicht zuletzt seinen gesunden Schlaf. Vielen muß es wie eine Ironie des Schicksals vorgekommen sein, eine Vision des Schreckens: Man gedachte das Elend der Greifswalder Ghettoviertel „Ostseeviertel“/ „Schönwalde“ („Monitor“ berichtete) zurückzulassen, als man mit viel Mühe und Aufwand hierher in den Speckgürtel zog. Und nun holte es einen in mephistophelisch wandlungsfähiger Form vor der eigenen Haustür wieder ein, in der Gestalt des Obdachlosen. Nazis, Obdachlose… – Wo ist da der Unterschied? Sie alle trinken Bier und lallen, auch ungefragt, streunen die Straßen entlang, als hätten sie kein Zuhause, und werfen mit Flaschen. Was die Gesellschaft in ihrer Geschichte hervorgebracht hat, an Werten und Gütern, wovon sie profitieren, das treten sie mit Füßen, weil sie keinen gottverdammten Anteil daran haben. Sie sind sowieso zu nichts gut, uncharismatische Versager, wie sie im Buche stehen. …

Als der Alptraum Wirklichkeit wurde, verlor er seinen Schrecken. Denn nach der Einrichtung des Obdachlosenheims in Eldena blieben die „Belästigungen“ der Obdachlosen weitgehend aus, und so kehrte wieder Frieden ein in das Greifswalder Kleinod. Es ward zwischenzeitlich sogar so ruhig, daß nur noch wenige Greifswalder und sogar nicht einmal mehr alle (neu zugezogenen) Anlieger um den Barackenbau bei der Mühle wußten. Und hin und wieder passiere es noch, so „Heimmeister“ Krüger, daß er mit ein paar unbekümmert vorüberziehenden Passanten ins Gespräch kommt. Die seien dann immer ganz überrascht, fast fassungslos, wenn sie die wahre Funktion des Anwesens begreifen: „Was? Hier in Greifswald gibt es ein Obdachlosenheim?“, stößt es verblüfft aus ihnen heraus… – Was? In Greifswald gibt es Obdachlose? Wurden die nicht schon alle um die Ecke gebracht?

Gehen wir in uns: Zwei Obdachlose wurden in Greifswald getötet. Der Tod des einen, Klaus Gerecke, versetzte die ganze Stadt in Aufruhr. Den Namen des anderen haben heute schon wieder viele vergessen. Eckard Rütz. – Es sei an ihn erinnert. Was machte Gerecke denn so besonders? Kann uns die Heimleitung weiterhelfen, den Mythos um ihn aufzuklären? „Herr Krüger, kannten Sie Klaus Gerecke?“ – „Nein“, seine Antwort. Leider nicht. Natürlich habe Gerecke mal ab und zu bei ihm im Obdachlosenheim genächtigt, am nächsten Tag wäre er aber meist wieder verschwunden gewesen. Die meiste Zeit zog er herum. Von vielen, die ihn kannten, wird er als ein rastloser Geselle beschrieben, jemand, der ständig auf Achse ist, keine Zeit zum Verweilen und Erzählen hat. Gerecke war kein typ-ischer Obdachloser: Er liebte seine Freiheit.–

Die Freiheit, der Umstand, kein Zuhause zu haben, keine Bindungen eingehen zu müssen, befähigt allerdings die wenigsten Obdachlosen zu einer positiveren Lebenseinstellung.

Obdachlosigkeit ist entgegen weitverbreitetem Glauben keine anerkannte alternative Lebensform, zumindest nicht in Greifswald.

„Die Obdachlosen.“, tönt die Volksmeinung, „das sind doch die, die der Allgemeinheit auf der Tasche liegen, die nicht arbeiten wollen, weil sie große Stücke auf ihre Freiheiten und ihre Unabhängigkeit geben.“ Nein. Die wenigsten Obdachlosen sind der Ansicht, daß Arbeiten in einem Sozialstaat keinen Sinn mache. Die wenigsten sind obdachlos, weil sie es so wollen. Im Gegenteil sie wollen so schnell wie möglich aus diesem Sumpf heraus, der sie ins gesellschaftliche Abseits zieht, der ihre ewige Pechsträhne versinnbildlicht, die sie erst in ihre jetzige Lage manövrierte: Arbeitslos. Betrunken. Verlassen. Und jetzt auf der Straße. Um von dort wegzukommen, brauchen sie Hilfe. Das Obdachlosenheim kann ihnen helfen.

Es verfügt über sechzig Heimplätze, deren Auslastung liegt aber oft nur bei etwa einem Drittel. Wohl aber, mag man meinen, hat Greifswald mehr als zwanzig Obdachlose, was bezeugt, daß nicht alle den Weg ins Heim finden. Stattdessen treiben sie sich herum, finden die eine oder andere Nacht Unterschlupf bei einem Freund oder improvisieren. Warum? – Vielen ist der Weg von der Stadt nach Eldena schlicht zu weit. Fuhren sie mit dem Bus, würde sie das ca. 1,30 EUR kosten. Und wer gibt schon Geld für den Bus aus, wenn er im Supermarkt dafür drei große Dosen Bier bekommt?

Dann gibt es noch einige, die kommen mit den Bestimmungen im Heim nicht klar. Dort sind nämlich Hunde verboten, auch muß man sich das Zimmer mit einem oder zwei Mitbewohner teilen. Für jemanden, der zuweilen an ein Einsiedlerdasein gewöhnt ist, eine echte Herausforderung. – Die Zimmer sind spartanisch mit Militärbetten, einem Tisch und Wandschränken für das nötigste eingerichtet. Die Bewohner genießen viele Freiräume, haben freie Hand in Sachen Freizeitgestaltung, können faktisch kommen und gehen, wann sie wollen, außer abends. Dann, wenn Herr Krüger gegangen ist, die Riegel dicht sind, pfercht man sich gemeinsam im Clubraum vor dem Fernseher und trinkt das eine oder andere Bierchen auf den Durst und vergißt für einen Augenblick seine Sorgen.
Dennoch müssen sich die Bewohner an gewisse Spielregeln halten. Die oberste: Bier bitte nur in Maßen! Sie müssen sich an ein bestehendes Grundmaß an Hygiene anpassen, sich selbst verpflegen, denn die Speisen werden ihnen nicht serviert. Das soll ihnen helfen, nicht ihre Selbständigkeit zu verlieren. Sowieso möchte Herr Krüger Besuchern im Heim, das ohnehin um sein passables Image zu kämpfen hat, ein anderes Bild zeigen als jenes, das sich ohnehin schon in den Köpfen als Klischee gebrannt hat.

„Bei uns im Heim ist noch niemand belästigt worden. “, fügt er dem hinzu, als wolle er andeuten, daß die Realität auch anders aussehen kann. – Aber wer besucht denn schon freiwillig ein Obdachlosenheim, um seine Vorurteile zu überprüfen? Gerhard Schröder hat andere Termine, der Durchschnittsbürger andere Sorgen. Es bleibt dabei: Obdachlosigkeit ist immer noch ein Tabuthema. Die Medien berichten lieber über Behinderte oder schon Gestorbene als über Obdachlose. Auch wenn es positive Beispiele gibt: So stattete vor kurzem die Leiterin des Literatursalons dem Heim und seinen Bewohnern einen Besuch ab und will nun in den Örtlichkeiten eine Lesung für die Bewohner halten.

Um mehr auf die Probleme sozial benachteiligter und vor allem obdachloser Menschen aufmerksam zu machen, erscheint in Greifswald seit neuestem eine Zeitung mit Namen „Reißnagel“ im „Greif-zu“-Verlag. Es gibt noch ein paar Startschwierig-keiten, Probleme mit der Verteilung, aber fest steht: Die Zeitung wird weiter erscheinen und sie kommt den Obdachlosen zugute, da 50 % des Verkaufserlöses direkt in ihre Taschen fließen.

Aber kann den Obdachlosen überhaupt noch geholfen werden? – Herr Krüger ist der Meinung: „Hier, im Obdachlosenheim, ist nicht Endstation.“ Für die wenigsten. Das Obdachlosenheim ist wie ein Sprungbrett oder ein Trampolin. Es soll die sozial Schwachen im freien Fall auffangen, bietet ihnen vorübergehend ein Obdach und eine Existenzgrundlage. In Kooperation mit sozialen Trägern können dann Maßnahmen zur Integration des Betroffenen zurück ins Gesellschaftsleben erfolgen. Es muß eine neue Wohnung für den Obdachsuchenden gefunden, deren Finanzierung geklärt und eine Einrichtung entsprechend den Bedürfnissen des Obdachlosen aufgetrieben werden. Hier helfen nicht nur die Behörden, sondern auch z. B. das Obdachlosenheim selbst weiter. Wir erinnern uns an das Schild, das wohl Spender anlocken soll: „Gebrauchtmöbellager“. Aus der Sammlung des integrierten Gebrauchtmöbellagers, ausnahmslos Spenden, können die einstigen Bewohner (und andere) nach Bedarf und mit Schein vom Amt „fischen“ gehen.

Der nächste Schritt, die Rückkehr in den Berufsalltag, soll zunächst auf Zeit (ABM), dann mit dem Ziel der vollständigen Rehabilitation bewerkstelligt werden. Dies ist nicht immer einfach. Nicht umsonst gelten vor allem Langzeitarbeitslose als äußerst schwer vermittelbar.
Es klingt grotesk, aber wer mindestens zwei bis drei Jahre ohne Arbeit war und sich in einen Trott aus Bummeln, Bier holen und Bemitleiden einlebte, bekommt Schwierigkeiten, die eingefahrenen Gewohnheiten aufzugeben, sich wieder in einem Arbeitsumwelt zurechtzufinden und zu lernen seine Zeit richtig einzuteilen.

Das ist ein bißchen so, als wenn einem Schüler seine Freiheiten auf ähnliche Weise eingeschränkt würden, indem man ihm 50 % seines Taschengeldes kürzte. Das Ergebnis: Er kommt einfach nicht mehr zurecht. – Panik vor’m Vorstellungsgespräch und Ängste, den neuen Anforderungen nicht mehr zu genügen, sind die Folge für den vormaligen Obdachlosen. Der Griff zur Flasche ist die Konsequenz, der Teufelskreis dann geschlossen. Herr Krüger darauf: „Dann gibt es keinen Ausweg mehr, dann ist alles verloren.“

Volker Schloßhauer