Offener Brief an den Bürgermeister

Sehr geehrter Oberbürgermeister Dr. Arthur König,

vor sechs Jahren wurde hier in Greifswald, mitten in der Innenstadt, der Obdachlose Eckard Rütz auf brutale Weise ermordet. Die Täter malträtierten ihn solange mit Tritten und Schlägen bis er an einem Schädelbasisbruch und einer Gesichtstrümmerfraktur starb. Das Märtyrium, was das Opfer in dieser Novembernacht durchleben musste, interessierte die drei jungen Täter nicht. Vielmehr war die grausame Tötung von Eckard Rütz Ausdruck ihres menschenverachtenden, rechtsextremen Weltbildes. Laut des Hauptangeklagten, „habe so einer wie Rütz dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche gelegen.“

Joachim von der Wense, damals Oberbürgermeister, appellierte einen Tag nach dem Mord an die Greifswalder Bevölkerung: „Der gewaltsame Tod unseres Nachbarn Eckard Rütz (…) ist uns Mahnung und zugleich Signal, den Respekt vor dem Leben in den Mittelpunkt unseres Wirkens zu stellen.“ Konkrete Taten folgten von städtischer Seite jedoch nicht und so geriet der Mord an Eckard Rütz schnell in Vergessenheit. Bis heute gibt es keinen offiziellen Ort des Ge- und Nachdenkens.

Um dieser skandalösen Situation ein Ende zu setzen, hat sich die Initiative „Schon Vergessen“, bestehend aus verschiedenen politischen und kulturellen Gruppen Greifswalds, gegründet. Ziel ist, neben der Anregung einer Debatte über die Gedenkkultur, die Errichtung eines Gedenksteins am Tatort.

Dass es bisher von Seiten der gewählten Bürger_innenvertretung versäumt wurde, solch einen Ort der Erinnerung zu schaffen, ist eine Schande für unsere Universitäts- und Hansestadt, die sich als weltoffen versteht. In solch einer Stadt muss Platz sein, für ein würdiges Gedenken an die Opfer des rechten Straßenterrrors. Sie dürfen nicht einfach aus dem städtischen Gedächtnis ausgeklammert werden. Ein offensiver Umgang mit dem Geschehenen und die offizielle, gesellschaftliche Ächtung von Fremdenhass und Rassismus müssen anstelle der gegenwärtigen Totschweige-Politik treten.

Wir fordern Sie als Stadtoberhaupt auf, unsere Bemühungen für die Errichtung eines Gedenksteines zu unterstützen und sich für eine nachhaltige Gedenkkultur einzusetzen!