Gesellschaftliches Klima 2000/2001

Als „Zone der Angst“ wurde Greifswald in einer Hamburger Zeitung dargestellt. Grund dafür waren die Obdachlosenmorde an Klaus-Dieter Gerecke am 24. Juni 2000 und fünf Monate später am 25.11.2000 an Eckard Rütz, sowie die regen Aktivitäten der Greifswalder Neonaziszene.

Zu dieser Zeit formierte sich um den bekannten Neonazikader Maik Spiegelmacher, ein sehr aktionistischer NPD-Kreisverband in Greifswald, der schon bald, laut Verfassungsschutz, eine „Sonderstellung“ in der Neonaziszene von Mecklenburg-Vorpommern einnehmen sollte. Während die Führungsebene der rechtsextremen Partei mit den Verfechtern des Konzeptes der „Freien Nationalisten“ im Streit lag, schaffte es der Kreisverband Greifswald, diese aktionsorientierten Neonazis an sich zu binden.

Aus dieser Zusammenarbeit resultierten zahlreiche Demonstrationen, Kundgebungen und Informationsstände, die mehr und mehr unter unverfänglichen Mottos wie „Gegen die geplante Schließung von Schulen“ oder „Gegen Krieg und militärischen Größenwahn“ stattfanden. Durch das Aufgreifen dieser scheinbar unverfänglichen Themen versuchte die NPD in die bürgerliche Mitte hineinzuwirken. Dazu zählten auch die Organisierung von Kinderfesten und Spenden an das Greifswalder Kinderheim. Mit diesem inhaltichen Profilwechsel ging auch ein Wechsel in der Organisationsform einher, der vor dem Hintergrund des NPD Verbotsverfahrens von 2001 verstanden werden muss. Es gründete sich eine „Schülerinitiative für freie Meinungsäußerung-und Bildung“, sowie eine „Bürgerinitiative zur Wahrung der Grundrechte“, die sich personell vom NPD Kreisverband kaum unterschieden.

Die Greifswalder Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft bekamen von dieser gefährlichen Entwicklung nichts mit bzw. sahen sich nicht zum Handeln veranlasst. Erst nach dem Mord an Klaus-Dieter Gerecke im Sommer 2000 wurde die Stadt aus ihrem Dornrößchenschlaf gerissen. Es wurden zahlreiche Demonstrationen, Gedenkkunggebungen und anderweitige Aktionen gegen Rechtsextremismus veranstaltet. Trotz alledem wurde fünf Monate später Eckard Rütz brutal von rechten Jugendlichen ermordet.

Die Aktivitäten des „Aufstandes der Anständigen“ intensivierten sich infolgedessen und erreichten ihren Höhepunkt, als sich 2001 mehr als 7000 Menschen einem Neonaziaufmarsch in Greifswald in den Weg stellten. Ein halbes Jahr später waren es dann immerhin noch 2000-3000, doch die Zahl nahm kontinuierlich ab, bis das öffentliche Interesses schließlich ganz abebbte.
Gleichzeitig verschwand auch das Interesse an einer Aufarbeitung der Obdachlosenmorde und so konnten die gewaltsamen Tode von Klaus-Dieter Gerecke und Eckard Rütz immer mehr in Vergessenheit geraten.